Game Over


2013


In der Klasse spielte Face-Book-Mobbing unterschwellig ein Thema, das anonym als großes Problem formuliert wurde. Daraufhin beschlossen wir ein Stück zu dem Thema zu entwickeln.
Kurz nach Beginn eskalierte die Probenarbeit immer wieder. Konflikte wurden schonungslos offen ausgetragen. Schüler*innen verweigerten die Mitarbeit und die Doppelbesetzung musste auf eine „Besetzung der Verbleibenden“ reduziert werden. Am Abend vor der Premiere stieg eine entscheidende Hauptrolle aus und ein Mädchen aus der Parallelklasse sprang ein. Wir probten bis nachts um vier und konnten noch eine Premiere ermöglichen.
„Game Over“ wurde zu einem Stück mit unglaublich großer Relevanz und Aktualität. Ich würde es jederzeit wieder so angehen und umsetzen.



Aus dem Programmheft:
Schauspiel ist ein Spiel mit dem äußerlich Beobachteten und innerlich „Geschauten“, in einem anderen Raum Erkannten. „Spiel ist die Arbeit der Kinder“, bis hinein ins Jugendalter. Das Ausprobieren seiner selbst in den Gesetzmäßigkeiten seiner Umgebung.
Soweit zusammengefasst das, was man zum Thema als Standard-Weisheiten bezeichnen könnte. Welchen Rahmen findet ein junger Mensch heute im Erlernen dieser Ressourcen? Und was hat das mit unserem Stück zu tun?
Ich sehe die Theaterarbeit mit Kindern und Jugendlichen als Biographie begleitende Arbeit in einem zentralen Ablösungsprozess von der achten Klasse an langsamen bis zum Austritt aus der Schulgemeinschaft, der Lösung von den Klassenkameraden und perspektivisch dem Abschied vom Elternhaus. Der Jugendliche steht kurz vor dem Beschreiten seines eigentlichen autonomen Lebensweges. Er muss sich ausprobieren, muss scheitern lernen und Erfolg haben. Beides sind wichtige und kräftigende biographische Erfahrungen.
Um seine Umgebung beobachten und Erkennen zu können, muss man sehen und Schauen; man muss die zahllosen Bedeutungen mimischer Ausdrücke deuten lernen. Man muss in ihnen Gefahr oder Zuneigung lesen können. Jeder Mensch verfügt dabei über ein sehr facettenreiches, sehr individuelles Vokabular, das sich in der Körpersprache ergänzend fortsetzt. All dies bildet einen zentralen Bestandteil zwischenmenschlicher Beziehungen und ist elementar und existentiell.
In der internationalen Beziehungsforschung der vergangenen Jahre, werden in den vergangenen Jahren zwei zusammenhängende Phänomene mit Besorgnis beobachtet, die noch recht jung sind, und deren Folgen noch kaum erforscht wurden.
Zum einen der Ursprung schwerer Beziehungsstörungen bei Säuglingen, die vor dem laufenden Fernseher gestillt werden, da sie zwar der Mutter nah, die erste Lebenszeit mit sehr spärlichem Blickkontakt erfahren.
Ein ähnliches Phänomen entwickelt sich verhältnismäßig rasch bei Kindern und Jugendlichen, die zeitweise – auf den Tag umgelegt – mehr auf Displays und Bildschirme als in die Augen ihrer Mitmenschen schauen. Das Deuten von mimischen Mitteilungen ist für sie anstrengend bis überfordernd. Sie reagieren daher zunehmend mit Angst und „vorbeugender Verteidigung“, die sich in Empathielosigkeit und Aggression äußert. Beziehung kostet sie mehr Kraft als Menschen, die in einem medienfreieren Kontext aufwachsen. So ist es heute auch weitverbreitet und fast normal, Beziehungsabbrüche über SMS vorzunehmen, weil das Erlernen der Beziehungsgestaltung über die direkte Begegnung nicht ausreichend Raum im Entwicklungsverlauf erhalten konnte.
Selbstverständlich hat dieses Phänomen längst auch an anthroposophisch orientierten Schulen Einzug gehalten. In der Auseinandersetzung mit dem Thema Cybermobbing und Umgang mit sozialen Netzwerken erscheint es mir mittlerweile mehr als naiv, unfair und leichtsinnig, die Gründe für eine extrem niedrige Frustrations-Toleranzgrenze und darin begründeter erhöhter physischer und psychischer Gewaltbereitschaft bei Kindern und Jugendlichen mit Egoshooterspielen zu suchen.
Vielmehr sind diese Erscheinungen – meiner Meinung nach – als deutliches Zeichen eines Verlustes zu deuten, Dinge, die Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene, über die Medienwelt erfahren, realistisch und proportional angemessen in der Bedeutung für die eigene biographische Entwicklung wahrnehmen und verarbeiten zu können.
Die zunehmend markanter werdenden Entwicklungen dieser Zeitphänomene sind ein klarer Aufruf an alle Begleiter von Kindern und Jugendlichen, sie im Beobachten zu schulen, im inneren Schauen zu unterstützen, im Scheitern gut aufzufangen und im Erfolg zu bestärken. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Euch eine schöne und erfolgreiche Aufführung von »game over«.
Ulrich Thon (Regisseur)



 

 

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