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vorstadtengel

Schultheaterprojekt nach Brechts »Gutem Mensch von Sezuan«
Bielefeld
2008


Das Jugend-Theater-Projekt »vorstadtengel« an der Rudolf-Steiner-Schule Bielefeld, um moralische Entwicklung, um Hilfsbereitschaft und Ausnutzung, basierte auf der chinesischen Zeitungsnotiz, die Berthold Brecht inspiriert hatte, seinen »Guten Mensch von Sezuan« zu schreiben. Sicher gab es Anlehnungen an die Brechtsche Fassung, das Stück konnte jedoch auch gut ohne diesen Hintergrund bestehen.



Im »vorstadtengel« geht es – ebenso wie bei Brecht – um die Frage, wie ein Mensch in einer von Egoismus geprägten Gesellschaft gut sein und dennoch würdevoll leben kann.
Erörtert wird diese Frage an der Biographie einer jungen Frau in der chinesischen Provinz, die versucht, sich mit einem kleinen Laden eine eigene Existenz aufzubauen. Ihr Versuch, ihre Freunde an ihrem bescheidenen Erfolg teilhaben zu lassen, scheitert brutal, weil diese sie unentwegt ausnutzen. Nicht, dass die junge Frau ihren Freunden und Bekannten nun die Hilfe entzieht, sie möchte sie nur einschränken, um sich selbst nicht zu gefährden.
Wie in der wahren Geschichte aus der besagten Zeitungsnotiz, erfindet sie einen imaginären Verwandten, in dessen Rolle sie schlüpft, um hart gegen die sie Ausnutzenden auftreten zu können.
Auch im »vorstadtengel« bleibt das Ende offen, um dem Zuschauer die Auseinandersetzung mit dem Inhalt auf seine eigenen Erfahrungen blickend zu ermöglichen.


Hintergründe unserer Arbeit an »vorstadtengel«

Klassenspiele bergen von Beginn an ein kleines Dilemma in sich: Es gibt kaum Jugendliche die ins Theater gehen. In der Klasse, in der ich »vorstadtengel« inszenierte, gab es eine einzige Schülerin, die mehr als dreimal im Jahr ins Theater ging, zwei, die mehr als einmal gingen, der Rest gab an, gar nicht das Theater zu besuchen. Ein Thema, das den Jugendlichen zusagt, zu finden, ist immer schwierig. Vorschläge, die aus der Klasse kamen und vorher diskutiert worden waren, waren zum Zeitpunkt meines Erscheinens wieder verworfen worden. Ich wollte anonym wissen, welcher Film den Jugendlichen am besten gefiel, welches Buch, und welches Thema ihnen unter den Nägeln brennt. Das Ergebnis auf den Zetteln wertete ich aus, recherchierte die Favoriten im Internet und versuchte Stücke zu finden, die entweder direkt mit den verschiedenen Themen zu tun hatten oder zumindest im Bezug auf sie inszeniert werden könnten. Mir war von Beginn an klar, dass ich nicht alle Wünsche und Vorstellungen würde berücksichtigen können und auch die Themen die ich folgend vorschlug, wirkten zunächst etwas konservativ: Von Brecht »Der gute Mensch von Sezuan«, Von Joshua Sobol »Die Palästinenserin« und als „freies Thema“ das „Standfort-Gefängnis-Experiment“, das ich natürlich auch als Stück zuvor erst schreiben müsste. Das war im Prinzip auch egal, da ich grundsätzlich jedes Stück auf die Jugendlichen zuschreibe. Nach dem Mehrheits-Prinzip entschied sich die Klasse für den Stoff von Brechts »Gutem Menschen«. Bei der Recherche entdeckte ich, dass sich Brecht bei seinem Sujet an einen chinesischen Zeitungsartikel angelehnt hatte, bei der die betroffene Person als „Engel der Vorstadt“ bezeichnet wurde, worauf hin ich meine Umarbeitung mit »vorstadtengel« betitelte.
Die Fassung wurde zwar nah an Brecht, aber noch näher an den Jugendlichen entwickelt. Ich bestand darauf, dass nicht die Lehrer, sondern die Klasse mir den Auftrag erteilte, das Stück zu schreiben und erhielt ihn. Eine Woche vor Beendigung des Textes wollten die Schüler plötzlich noch mal über neue Stücke nachdenken. Daraufhin blieb mir nichts anderes mehr übrig, als diese Fassung „durchzudrücken“. Schließlich gab es eine klare Absprache mit den Schülern.
Das Stück wurde vom Gros der Klasse begeistert aufgenommen, die wenigen Gegner rächten sich später leider mit Störmanövern, anstatt den offenen Dialog zu suchen.
In den Proben entpuppte sich die Klasse als eine eingeschworene Gemeinde, die in der Lage war, Probleme intern zu regeln und nicht auf die Hilfe der Lehrer zurückgriff. Die Probenarbeit war sehr engagiert und fruchtbar. In den verschiedenen Arbeitsgruppen wurde bis nachts gearbeitet. Die Musiker freuten sich, endlich einmal einen freien Band-Raum zu haben und entwickelten auf hohem Niveau eine unglaublich passende Musik zum Stück (in einem Crossover aus Klassik und Moderne), die der Vorstellung fast die Show stehlen sollte.
Die Mühe, das Stück auf die Altersstufe zuzuschreiben, machte sich in vielen sehr angreifenden, authentischen Momenten der Inszenierung bezahlt. Trotz alledem gab der Stoff genug Gelegenheit auch „weit von sich weg“ in andere Charaktere zu schlüpfen.
Da ausgerechnet die klasseninterne Arbeitsgruppe für Öffentlichkeitsarbeit das Stück boykottierte, wurden die in sich sehr erfolgreichen und guten Aufführungen leider von viel zu wenigen Zuschauern – im Verhältnis zur Größe des Saales – wahrgenommen.
Die hervorragenden Theaterfotos von Joachim Müller (www.jomunet.de) geben jedoch einen guten optischen Eindruck unserer Arbeit.




Auszug:

Shen Te: Nein, es wird nicht anders aussehen. Jeder muss Geld ausgeben, aber erstmal muss er es verdienen. Oder er kriegt Hilfe vom Amt. Aber das reicht auch hinten und vorne nicht. Und wenn es den Leuten immer schlechter geht, und es ihnen unerträglich erscheint, werden sie eben ruppiger. Und wenn es vom Vater an den Sohn, von der Mutter an die Tochter so weiter läuft, wenn die Not immer größer wird, dann werden sie irgendwann gnadenlos und brutal.
Jetzt bräuchte ich kein Geschenk von den Göttern, sondern einen Rat.
Ich bin ja dankbar, aber wissen die Götter denn nicht, wie sowas läuft? Hätte ihnen nicht klar sein müssen, dass es jetzt vielleicht viel schwerer wird für mich als vorher? – Aber worüber klage ich. Ich bin nicht alt und gebeugt: aber eine Richtung und einen Weg brauch ich jetzt!

Szene 23
 
Sun: So, das wäre geschafft. Eine Sorge weniger. Jetzt schau nicht so verknautscht: vielleicht bekommen wir ja morgen noch mehr woanders für die Hütte und können die verfluchten 200, die geliehen sind, zurückgeben.
Shui Ta: Nicht in der kurzen Zeit. – Aber das Zimmer für Euch in Peking und das Essen kannst du wohl zahlen?
Sun: Das wird sich alles finden, wenn es so weit ist.
Shui Ta: (scharf) Wie wird sich das finden?
Sun: Ich muss erstmal nach Peking, die Lage checken.
Shui Ta: Du hast Nerven und meine Cousine kocht aus dem leeren Kühlschrank.
Sun: Sie wird gar nicht kochen. Ich lass sie erst mal hier, bis alles in Peking geklärt ist.
Schau mich nicht so an, ich muss schließlich auch an mich denken.
Shui Ta: Verstehe.
Sun: Ich dachte, vielleicht kann sie eine Zeit lang bei dir unterkommen.
Shui Ta: Ich schau, was ich tun kann. Aber die 200 hätt ich gern wieder, bis es zwei Fahrkarten nach Peking gibt.
Sun: Was soll denn das jetzt werden. Da krieg ich ja eine feinen Schwager ...
Shui Ta: Einen, dem viel an seiner Cousine gelegen ist.
Sun: Gewiss nicht mehr, als mir. Und deshalb würd ich dann auch ganz gern die Dinge selbst mit Shen Te bequatschen.
Shui Ta: Ich weiß nicht, ob sie den Laden noch verkaufen will, wenn sie erfährt, dass Peking nur eine Luftnummer für sie ist. Und wer sagt, dass du wiederkommst, wenn Du erstmal weg bist.
Sun: Na, hör mal!
Shui Ta: Sie ist verliebt, o.k. Aber sie kennt dich doch erst ein paar Tage und ich will nicht, dass sie wieder auf der Straße landet. Verstehst du das nicht? Der Laden war alles, was sie hatte und seit Jahren der erste goldne Streif an ihrem Horizont.
Sun: Ich bin ein Ehrenmann.
Shui Ta: Eben: Shen Te ist zeitlebens von Ehrenmännern erniedrigt und missbraucht worden und immer wieder auf sie hereingefallen. Zeig ihr, dass du es ernst meinst und anders bist. Sie braucht jetzt vor allem ein Zuhause, nicht bei mir aus Koffern, sondern bei dir in Peking.
Sun: Ich bin nicht dumm, und sei du es auch nicht und bring die 300 zur Hochzeit mit.
  (er stopft sich noch Zigaretten ein und Kram und geht. Shui Ta bleibt fassungslos zurück.)

Szene 24 Monolog
Shen Te / Shui Ta: Es ist aus! Er will nur das Geld. Er liebt überhaupt nicht. Wie kalt. Wie kalt. – Wie konnte ich mich nur so täuschen?! – Wie billig. Was für ein Schwein! – Wie unglaublich. Was für ein niederträchtiger, mieser Kerl! Der kennt wohl nur einen Gott und das ist er selbst! „Ich muss auch an mich denken“ – Er tut nichts anderes. Nein! – Nein! –
  (wird bedrohlich still und steigert dann)
  Aber du unterschätzt mich. Ich bin auf der Straße aufgewachsen, wie du. Nur die Gesetze kenn ich anscheinend besser. Du wirst dir wünschen, mir nie begegnet zu sein. „Ich bin bereit ihn am Hals zu nehmen und ihn so lang zu schütteln, bis er den einen Cent ausspuckt, den er mir geklaut hat.“ Die Zeiten sind furchtbar, aber wir krallen uns an den glatten Mauern hoch und kriechen übers dünne Eis. Ein falscher Tritt und wir ertrinken. Die Liebe ist das dünnste Eis, vor ihr muss man mehr auf der Hut sein, als vor allem anderen.

Szene 54 Gericht
Shui Ta: Ich weiß, ihr habt mich längst erkannt. Was soll das Versteckspiel weiter . Ich bin Euer guter/schlechter Mensch. Ich habe wirklich alles versucht, aber ich sage euch: es ist unmöglich zu schaffen.
Ich hab mich in die Fluten gestürzt, um die Ertrinkenden zu retten und im Angesicht des drohenden Todes auf Euch vertraut. Aber ihr habt mit zugesehn, wie sie mir die helfende Hand ausgerissen haben.
Und hatte ich einem geholfen, kam er mit Zehnen wieder, die wieder mit Zehn zu mir kamen. Ihr habt sie nicht gehindert, mich in den Boden zu trampeln, sondern ihr habt sie ermutigt noch mehr herbei zu holen.
Was sollte aus Euerm guten Menschen werden, der alles geteilt hat, als er nichts mehr hatte?
Und wenn man das Schlechte und Böse sieht, mag man die Welt packen und sie umdrehn. Da hatt ich nur eine Wahl und musste den Vetter erfinden, wenn ihr mir schon keinen schickt. Da ist zwar das Lächeln aus den Straßen verschwunden, aber die Leute aus meiner Fabrik haben angefangen von einer Zukunft zu sprechen.
Ihr seht, so sieht es aus auf Eurer Erde. Als ihr uns Brot gabt, gegen das Knurren des Magens am Morgen, habt ihr es selbst nicht probiert. Es waren Steine, die ihr uns aus den Wolken gereicht habt. Wir haben dankbar Häuser daraus gebaut. Aber in den Häusern herrscht Hunger nach allem und solang der nicht gestillt wird, gibt es nur Not und Streit. Ich kann es drehn und wenden wie ich will und doch bleibt nur das eine: Wir brauchen Brot, verehrte Götter, Brot nicht Steine.
Erster: Kein Wort mehr, wenn du Gnade kennst. Ich denke, wir bedenken das.
Zweiter: Und trotzdem zeigt sich, dass du einen Weg gefunden hast.
Shen Te: Nein, ich war schlecht.
Dritter: Wir haben nur anderes gehört.
Shen Te: Über Shen Te!
Zweiter: Ja. Das andere war Kostüm. Ein Scherz ist jedem gern erlaubt.
Shen Te: Es war kein Scherz.
Erster: Ja, Rettung auch.
Dritter: Wie du’s auch drehst und wendest, wir kommen zu dem Schluss,
Das auch ein guter Mensch nicht immer gut sein kann und gut sein muss.
Zweiter: Für uns ist an dieser Stelle Schluss, wir dürfen wieder heim.
Erster: Ganz sicher: tauschen will ich nicht, und doch es ist zu schön, für einen Wimpernschlag, aus tiefstem Herzen Mensch zu sein.
Dritter: Bitte: jetzt werd nicht sentimental, ja? Sag tschüss, und los.
Shen Te: Geht nicht, ich bitte Euch!
Zweiter: Wir müssen bis zwölf im Hause sein...
Shen Te: Aber ich habe doch noch gar nicht alles gesagt. Ich habe noch tausend Fragen.
Dritter: Daran erkennen wir den wahren Menschen: Tausend Fragen und wir könnten bis zum Lebensende bleiben.
Erster: Bleib wie du bist, Shen Te.
Zweiter: Vergiss uns nicht.

Szene 55 Gericht
  Lautlos kommen alle Figuren wieder und sehen Shen Te im Licht auf dem Boden sitzen, fast wie heilg, während sie ihren Abschluss zu ihrem Sohn spricht (Rezept von Mascha Kaleko)
Shen Te: Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
Wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
Und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehn.
Lebe auf Zeit und sieh,
Wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muss, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
Sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
Geht es um dich oder ihn.
Den eignen Schatten nimm
Zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
Und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
Unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiß deine Pläne. Sei klug
Und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
Im großen Plan
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.


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