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Die Dreigroschenoper
von Bertold Brecht

Schultheater-Projekt an der Rudolf Steiner Schule Essen
Essen
2010






Ich hatte die Möglichkeit mich bereits mehrmals mit der 12. Klasse weit vor dem Beginn der Proben zu Treffen. Sinn und Zweck unserer Begegnungen war die Stückauswahl, Rollenverteilung, die Vorabsprachen zur Gestaltung der Proben und Arbeitsgruppen. Im Rückblick stellt sich mir die Frage, ob die Eröffnung vieler Möglichkeiten und das Angebot mehrerer Vortreffen nicht auch die Tür zu einem Labyrinth der Desorientierung aufstoßen kann.



Die Klasse hatte bereits einen Kollegen abgelehnt, der das Klassenspiel mit ihnen vorbereiten wollte. Die Gründe sind mir unbekannt. Klar wurde bereits beim ersten Treffen, dass es unterschiedliche Fraktionen mit klaren Machtstrukturen in der Klasse gab. Die Jungen waren zwar in der Unterzahl, dominierten jedoch taktisch klar den Entscheidungsprozess. Mehrere Stücke zwischen Klassik und Moderne waren im Vorfeld gelesen worden, für keine gab es wirkliche Mehrheiten. Es gab eine latente Neigung zu gesellschaftskritischen Themen, die aber nur bei wenigen Schülern fundiert begründet werden konnte. So standen sich am Ende das Musical RENT und der Belagerungszustand von Camus gegenüber. Ich war prinzipiell bereit beide Stoffe zu inszenieren, wollte jedoch wissen, welchen Bezug die Klasse zur Thematik hat. Die Antworten blieben aus. In meiner Wahrnehmung – aus der Schilderung der Schüler – waren an der Schule in den vergangenen Jahren wohl vor allem populäre (klassische) Stoffe auf die Bühne gebracht worden, mit denen man kein Risiko einging. Eine Tradition, die ich als gefährlich betrachte, weil viele Themen altersbedingt in keiner Weise durchdrungen und in Bezug zur eigenen Biographie und Lebenserfahrung gestellt werden können – selbst wenn es die Schüler wollten. Ein Kompromiss musste her.

Die Klasse beschrieb sich als sehr musikalisch. In jedem Fall sollte mit Musik gearbeitet werden. Der Vorschlag der Dreigroschenoper wurde mit einer Stimme Mehrheit angenommen, was nicht gerade zu Euphorie führte. Obgleich die meisten Schüler wohl ein Instrument spielten, sollten Schüler oder Musiker aus dem Umfeld engagiert werden. Meine Warnung, dass wir damit in Schwierigkeiten bei den Proben geraten könnten, bewahrheiteten sich leider erwartungsgemäß.
Sehr für die Klasse sprach, dass sie sich der jetzt getroffenen Entscheidung – auch wenn sie einen klaren Kompromiss darstellte – bis zum Ende voll und ganz verschrieb.

Die Rollenverteilung gelang mit verhältnismäßig wenig Reibereien oder Tränen.
So traf sich bereits in der letzten Woche der Sommerferien eine unerwartet große Gruppe Freiwilliger, um mit mir in verschiedenen Arbeitsgruppen Bühnenbild, Kostüme, Programmheft, Öffentlichkeitsarbeit und ähnliches vorzubereiten. Das große Engagement und die Eigenständigkeit widersprachen dem Eindruck, den ich durch die ersten Treffen gewonnen hatte, deutlich.

Mit Hilfe der Schüler konnte ich endlich einen Traum realisieren, den ich schon lange für ein Stück einsetzen wollte. Wir bauten einen großen Würfel mit den Kantenlängen von 4 Metern, einer ersten Etage und Treppen, der einer Drehbühne gleich bewegt werden konnte. Einzelne Räume, konnten je nach Bedarf geöffnet, oder mit Tüchern verdeckt werden. Um aus sich heraus beleuchtet werden zu können bezog der Würfel Strom von der Decke. Dank des unermüdlichen Einsatzes konnten wir die Proben mit einem nahezu bespielbaren Bühnenbild beginnen.



Wir hatten einen straffen Zeitplan für die Proben zu befolgen, da für die Erarbeitung des komplexen Stoffes für zwei Besetzungen lediglich vier Wochen zur Verfügung standen. Diese „Zeitnot“ konzentriert den Arbeitsprozess jedoch auch auf gute Weise. In der Vergangenheit war an der Schule die Arbeit auf ein halbes Jahr verteilt worden, worunter andere Fächer deutlich gelitten hatten. Als unangenehmer roter Faden zog sich das mangelnde Interesse am Stoff und seinen Hintergründen bei den meisten Schülern – sicher nicht bei allen – durch die Arbeit. Armut und Prostitution, die beiden äußerlich zentralen Säulen der Handlung, und die daraus resultierenden sozialen Ungerechtigkeiten und Unwägbarkeiten waren eher exotisches Terrain, vorherrschende Klichées erschreckend manifestiert. Die Einladung einer Mitarbeiterin der Prostituierten-Beratungsstelle „Nachtfalter“ wird daran nicht viel geändert haben. Sie war mir trotzdem wichtig.
Dementsprechend fielen die Hintergrunds- und Rollen-Recherche aus, die mit wenigen Ausnahmen an der Oberfläche der behandelten Thematik blieb.
Üblicher Weise arbeite ich die Stoffe auf die Altersgruppe um, sodass sie „in ihrem Alter an ihrer Biographie entlang spielen“ können. Kein Siebzehn-, Achtzehnjähriger kann die Zerrissenheit eines Vierzigjährigen erlebt haben, durchdringen, nach außen auf die Bühne stellen. Ich ließ sie ungeschminkt, pur: Siebzehnjährige spielen Fünfzigjährige, wie beim »Chronist« deutsche Jugendliche Afrikaner darstellen. Der Weg erschien mir am entsprechensten – und er ging auf.



Unglaublich erfreulich war die große Spielfreude, mit der sich die Schüler in die Arbeit warfen. Eingeübte, aus anderen Stücken abgeschaute Spielformen, wurden relativ schnell über Bord geworfen. Es war ein Genuss mitzuerleben, wie bei Schülern, die lange um die Anlage ihrer Rolle rangen, plötzlich „der Knoten platzte“ und sie sich freispielten. Ein paar wenigen Schülern gelang es in der Rolle ganz aufzugehen und in ihr zu leben.
Nach einer bedrohlichen Krankheitswelle, wuchsen manche Schüler nochmals in der Premiere deutlich über sich hinaus.
In der Zusammenarbeit mit zwölften Klassen steht für mich der Subtext und die Hintergründe des Stoffes im Vordergrund. Es ist uns eine gute Arbeit gelungen, die Lob und Applaus unbedingt verdient hat. Stoff und Stück in Bezug zu den eigenen Biographien als erwachsen werdenden Zeitgenossen zu stellen; mit dem Stück in der Aussage eine klare Stellung zur Zeitgeschichte einzunehmen ist als Ziel leider verfehlt worden, das kann relativ wertfrei resümiert werden.

Die Arbeit an der Dreigroschenoper war kraftzehrend und beschenkend zu gleich. Keine Frage, dass alle ungeheuer viel in den weiteren Alltag mitnehmen konnten.



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