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Kalenderblatt-Aktionen
Bewegte Bild-Aktionen im öffentlichen Raum

Münster, 2008

In den Kalenderblatt-Aktionen wird mit verschiedenen Bildern mit großer Wirkkraft kritisch auf Themen hingewiesen, die in ihrer Konsequenz prägend in den Alltag von Kindern und Jugendlichen eingreifen.
In Zusammenarbeit mit verschiedenen Einrichtungen und Einzelpersonen werden die Kinder und Jugendlichen auf verschiedene Themen adäquat vorbereitet und in ihren Vorhaben der Präsentation unterstützt.
Die angestrebte starke Öffentlichkeit für die Durchführungszeiträume, z.B. in Fußgängerzonen, soll den darstellenden Kindern und Jugendlichen zudem klar zeigen, dass sie mit ihrer Auseinandersetzung und dem Wunsch Zustände zu ändern nicht hilflos und allein sein müssen. Auf diesem Weg sollen sie deutlich erleben, wie Politik und Demokratie durch ein unkonventionelles Erheben der Stimme und Anziehen neugieriger Blicke zu einem eindrücklichen Alltagserlebnis für die Handelnden und die von außen Zusehenden sein kann.



Hintergründe zu den Aktionen

Schauen Sie Nachrichten? – Es lohnt sich das Experiment, nach einer geschauten Sendung zu prüfen, was an Inhalt hängengeblieben ist. Vertiefend lohnt es sich dann als weiterer Schritt, die Inhalte in Bezug zu sich selbst, zu der unmittelbaren Relevanz für die eigene Biographie zu setzen. Und hier geht es schon um den Entscheidungsprozess, ob ich das Berichtete zu einem Teil meiner Biographie machen möchte. Das kann ja auch ganz positiv sein: ich sehe einen Bericht über Not, packe meine Sachen und fahre hin. Es gibt aber auch andere Möglichkeiten …

» Download vollständiges Konzept (PDF)

Dafür sind die Berichte oft jedoch viel zu oberflächlich aufbereitet. So oder so müsste ich mich zuforderst für eine wie auch immer geartete Auseinandersetzung entschließen. Dieser Entschluss an sich wäre die erste wichtige Handlung. Aber auch hier bleibt als Frage, welche Bilder Sie ihrer eventuell schwerwiegenden Entscheidung zugrunde gelegt haben.
Sechzig Prozent aller Bilder, die wir heute sehen sind bearbeitet. Sie greifen viel effektiver in unsere Wahrnehmung hinein als ein Text es tun würde, der beispielsweise in der vergleichbaren Zeit einer Tagesschau verlesen würde. Denken wir an den 11. September 2001 und die Folgetage, an denen vierundzwanzig Stunden lang die einstürzenden Twin Towers über den Bildschirm geschickt wurden. Der nachfolgende Irakkrieg, war vor allem ein Krieg gegen dieses unauslöschliche Schlüsselbild, das geradezu zum Fetisch der westlichen Welt wurde. Es wurde ein Stellvertreterkrieg für all diejenigen, die durch die Bilder zu unfreiwilligen, hilflosen Voyeuren geworden waren. Die Politik versprach, „das Böse zu jagen und niederzustrecken“, aber ihr konnte nur ein Kampf gegen die Bilder des Bösen gelingen, nicht gegen die Ursprünge des Konfliktes. Auf diesem Wege erreichten uns die neuen Bilder, die der kontrollierten Vernichtung des Bösen durch die Guten.
Der Anschlag ist nur das auf Jahre hin populärste Beispiel einer ganzen Reihe von durch die Politik gesteuerten Prophezeiungen, deren Erfüllung durch erfahrene Politiker professionell vermarktet wird, kanalisiert durch Internet und Fernsehen. In der Weise, wie westliche Regierungen handeln, bevor etwas geschehen ist, lassen sich dann oft Ursache und Wirkung nicht mehr wirklich unterscheiden.
So gesellt sich dem an den Fronten dieser Welt kämpfenden Heer von Soldatinnen und Soldaten das weitaus größere Heer der Hilflosen und Ohnmächtigen hinzu, die sich durch den Bildkonsum von Gewalt zu Komplizen machen, ganz gleich, ob sie die Greueltaten unterstützen oder verabscheuen. Es gibt definitiv keine unschuldige Repräsentation von Brutalität und kein neutrales Bild von Gewalt. In den Medien wird jedes Bild des Terrors, unfreiwillig oder freiwillig, zu einer inszenierten Performance.
Der Gedanke, diese Bilderflut stoppen zu können, wäre absurd. Es wird kein Bilderverbot erfolgen. Trotz alledem fordert die wachsende Komplexität der Bilderfrequenz, mit der wir lernen müssen zu leben, zu anderen Umgangsweisen mit ihr auf. Bilder als Form der Repräsentation ist in der Geschichte seit Menschengedenken verankert, aber es ist eben immer auch die Repräsentation der Mächtigen.
Auch hier stellt sich eine Auseinandersetzungs- und Entscheidungsfrage, die in Demokratien durch aus legitim ist: wem möchte ich meine Macht geben? – Diese Frage ist gerade dann existentiell, wenn man etwas verändern will. Die drängendsten Fragestellungen entwickeln sich in der Zeit der Pubertät, weil man eben nicht zu denen zählen möchte, die ihr Engagement im Keim mit einem „Man kann doch eh nichts machen“ begraben.

In unserer sehr durch die Mächte großer Konzerne gelenkten Gesellschaft gelang Kindern in New York eine wunderschöne und vorbildliche Aktion. Als Protest gegen die Missstände, derer sich der Konzern „Nike“ schuldig gemacht hatte, luden sie ihre gesammelten ausgelatschten Turnschuhe vor den Türen der New Yorker „Nike-Town“ ab: „Nike, wir haben dich gemacht“, grinste eine 13-jährige aus der Bronx in die Kameras. „Wir können dich auch vernichten.“
Politische Bildung sollte durch Jugendliche eben immer auch als ein lebhafter, handelnder Prozess wahrgenommen werden und nicht als ein Spleen intellektueller Klassenkameraden. Gerade im Hinblick auf Partizipation sollen sich die geplanten Kalenderblatt-Aktionen in den Kontext vielfältiger anderer Aktionen einfügen, die bereits für junge Menschen diesbezüglich angeboten werden.

Der Ursprung der Kalenderblatt-Aktionen basiert auf dem Wunsch eine Form der Auseinandersetzung anzubieten, die jeden Monat ihren Focus auf ein anderes Thema richtet. Damit sollen die Aktionen der Überinformation und Bilderflut, Konzentration und Handlungsfähigkeit gegenüberstellen, die eine Orientierung in den Themen wieder zulässt.
Der Gedanke, „neue“ Bilder zu schaffen, lag auch nicht fern. Daher ging es in der Suche um die Beschaffenheit der Bilder vor allem darum, eine Form zu finden, die nicht (wie beispielsweise in den Nachrichten) „das Böse“ abbildet, sondern die Missstände so verkleidet, dass sie zugänglich und erfahrbar werden können. Hier bietet sich ein Weg an, den Betrachter oder Zuschauer aus der Ohnmacht und Hilflosigkeit heraus zu holen und schon durch einen angeregten Austausch über verschiedene Themen unmittelbar zu einem (politisch) handelnden Menschen zu machen.

Die Kalenderblatt-Aktionen sind ebenfalls vom Ursprungsgedanken her vom Theater der Unterdrückung von Augusto Boal abgeleitet. Der Theaterpädagoge hatte eine versteckte Theaterform innerhalb der argentinischen Diktatur für den öffentlichen Raum entwickelt, um durch Aktionen Gespräche über brisante Themen anstoßen zu können.
Die für die Kalenderblatt-Aktionen angestrebte Form soll ebenfalls Gespräche zu unterschiedlichen Themen anregen, ist aber alles andere als versteckt. Bei aller gewollten Plakativität soll sie jedoch ein Thema durch die Form niemals bagatellisieren.
Für die Darstellung jedes einzelnen Themas soll eine Form gesucht werden, die für Erwachsene jederzeit zugänglich und verständlich sein kann, zuschauende Kinder jedoch nicht durch zu drastische Bilder traumatisiert. So werden Problematiken im Bildausdruck überhöht und bewusst zuweilen auch ins Humoreske gehoben. Dieser Weg beabsichtigt, dass Zuschauer sich moralisch nicht vorgeführt oder angegriffen fühlen müssen.
Keine der Aktionen soll in sich ein Aufruf zu Spenden sein. Dies war vor allem deshalb einer der Basisgedanken des Projektes, weil die Herausgabe von Spenden nachweislich oft zur Folge hat, dass die SpenderInnen mit der Gabe in sich und für sich das Thema abschließen können, „weil sie ja geholfen / gehandelt haben“.
Sicher sind Spenden wichtig, stehen aber bei diesen Aktionen bewusst und ausdrücklich nicht im Vordergrund. Ein „Freikaufen“ soll unter keinen Umständen möglich sein. (Ein Engagement in einer Vielzahl themenbezogener Organisationen ist ja unabhängig jeder Zeit möglich).
Nichtsdestotrotz ist selbstverständlich angestrebt in den Menschen etwas anzustoßen, das über die Aktionen hinaus in ihnen nachklingt und sie veranlasst, tiefergehend gedanklich oder praktisch tätig zu werden, als es ihnen mit der Herausgabe einer Spende je möglich wäre.

Ebenso sollen die an den Aktionen Beteiligten über diese einmaligen Veranstaltungen hinaus durch die SocialCard-Feste auf andere Projekte hingewiesen werden und dort die Möglichkeit bekommen, sich für eine soziale Zusammenarbeit zu vernetzen.
So sind die Kalenderblatt-Aktionen auch als Orientierungs-Projekte für Jugendliche Gedacht, um für sich herauszufinden, mit welchen Themen sie sich durch ihr Engagement für eine Zeit verbinden wollen.
Neue Einfälle und Gedanken, die ihnen bei den Kalenderblatt-Aktionen entstehen, sollen das Potential sein, mit dem sie die soziale Idee in andere Städte weitertragen, um dort auf ihre Weise den Grundgedanken an andere Jugendliche in praktischem Austausch und konkreter Umsetzung weiterzugeben.

In Münster startete im November 2008 die erste Aktion als Pilotprojekt.


Die einzelnen Kalenderblatt-Aktionen für Münster

• Diese Ausländer bleiben nicht (Abschiebung)
• Bitte geben Sie uns nichts (Leistungsanspruch)
• Sterntaler (Häusliche Gewalt / Kinder)
• Was Süßes für die Kleinen (Alkopops)
• Zum Glück die richtigen Ideale (Magersuchts-Wahn)
• Haben die Kinder schön gemacht (Kinderarbeit)
• Ein Herz für Knut, Babe & Flocke (Nahrungsmittel)
• Ihr Nachbar mäht nur Rasen (sexueller Missbrauch)
• Mit uns an die Spitze (Steuerhinterziehung)
• Trinken Sie ruhig aus dem Klo (Wasserbewusstsein)
• Entschuldigung Deutschland (Leistungsanspruch)
• Wir können Ihnen helfen (Entwicklungshilfe)

Die Aktionen sind „prozessionsartig“ angelegt, da sie vorrangig in Fußgängerzonen durchgeführt werden sollen und sich diese Form der Bespielung bei vergleichbaren anderen Aktionen, als die unkomplizierteste Darstellungsweise in der Vergangenheit bewährt hat. Selbstverständlich wird die Grundform von Aktion zu Aktion variieren.


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