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Käthi B.
von Beat Fäh

Jugendhilfeeinrichtung Solveigs Hof
Osnabrück
2006


Als zuschauender Pädagoge ist man wohl jede Minute dieses Stücks froh, nicht in dieser Situation drinnen zu stehen. Dramaturgisch gnadenlos präsentiert sich der Abend vor allem dadurch, dass die Handlung kaum einer nennenswerten Anlaufzeit bedarf und in einer zwischen den Protagonisten völlig ungeklärten Situation endet. Beat Fäh skizziert ein brutales Bild zweier Menschen, die sich in ihren Welten so verfangen haben, dass sie sich nur mehr in Ignoranz und Verletzung begegnen können. Am Ende bleibt gnadenlos die Einsamkeit.



In Beat Fähs Stück »Käthi B.« treffen sich in einem Keller ein Erwachsener, der sich mehr recht als schlecht mit der Gesellschaft und seinem Leben arrangiert hat, und ein Kind zusammen, das die Spielregeln der Erwachsenen verstanden hat und anzuwenden weiß. In der Umsetzung erleben wir Käthi als erbarmungslos übergriffig, erpresserisch und frech. Aber sie spielt mit all dem, was sie als Gesetzmäßigkeit der Welt der Erwachsenen abgeschaut hat. Sie erhofft sich in dem Kellner Schäfer auf diesem Wege einen Spielkameraden aus der Erwachsenenwelt.
Und doch erleben wir im Verlauf des Stückes, dass sich diese beiden Menschen dennoch in einer gewissen Sorge füreinander brauchen.
So ist Käthi B. – wenn auch überspitzt – sehr authentisch dem Alltag entlehnt.


Hintergründe unserer Arbeit an »Käthi B.«

Nach einer gelungenen Premiere im April fühlten wir uns bestätigt, dass unser Konzept voll aufgegangen war. Wir hatten »Käthi B.« schon im Vorfeld als Abend in zwei Teilen gedacht. Im ersten Teil sollte das Theaterstück den Zuschauern vorgestellt, im zweiten eine Diskussion darüber angeregt werden. Sie war lebhaft und kontrovers und dauerte wesentlich länger, als die vorangegangene Vorstellung.
»Käthi B.« wurde vom schweizer Autor Beat Fäh zusammen mit Pädagogen aus der Jugendhilfe entwickelt und spiegelt zahlreiche Grenzsituationen wieder, die uns dort im Arbeitsalltag begegnen. Allerdings nicht so komprimiert. Als zuschauender Pädagoge ist man wohl jede Minute dieses Stücks froh, nicht in dieser Situation drinnen zu stehen. Dramaturgisch gnadenlos präsentiert sich der Abend vor allem dadurch, dass die Handlung kaum einer nennenswerten Anlaufzeit bedarf und in einer zwischen den Protagonisten völlig ungeklärten Situation endet. Feinfühlig zeigt Beat Fäh auf, wie sich Opfer und Täter bedingen, leitet davon jedoch nicht ab, dass dies einer zwangsläufigen Gesetzmäßigkeit folgt. Viel mehr ruft er zu Gedanken auf, den Ursprüngen solcher wie der dargestellten Situationen nachzuspüren und Lösungsmöglichkeiten in sich zu denken und in der Arbeit neu zu greifen. Daher war für uns auch das Bestreben klar, das Stück (trotz anders lautendem Vorschlag des Verlages) nicht für Kinder und Jugendliche zu empfehlen, sondern ausschließlich zur Wahrnehmung für Pädagogen auf die Bühne zu stellen.



Das Szenario auf der Bühne ist eine offene Geiselnahme, jederzeit angetan vollkommen zu eskalieren und in Gewalt umzuschlagen. Wir haben uns tunlichst bemüht, genau dieser Erwartung entgegenzuarbeiten. Sie würde das Stück abschwächen, denn uns fiel während der Proben auf, dass der Ausbruch von Gewalt die Zuschauer hätte geradezu aufatmen und zurücklehnen lassen. Genau Vermeidung der Gewalt, aus der situativen wie biographischen vollkommenen Hilflosigkeit beider Figuren, lässt die Brutalität des Ungeklärten viel deutlicher zu Tage treten und konfrontiert uns deutlich mit uns selbst.
Und doch können weder die Schülerin Katrin Beck noch der Kellner Schäfer ihre Wege so weiter gehen wie vor ihrer Begegnung. Sie werden wohl kaum etwas miteinander zu klären vermögen, aber gezwungen sein, ihre Lebensperspektiven, dort wo sie biographisch stehen, völlig neu zu überdenken.

Seit Jahren war mir ein Kinder- und Jugendtheater ins Auge gefallen, dass meinen Vorstellungen von diesem Bereich entsprach, von der Auswahl und Inszenierung der Stücke über Kostüme und der Gestaltung der Programm-Flyer aus einem Gedanken entsprang: das »Theater in Marienbad« in Freiburg. Hier pilgerte ich grundsätzlich zu jeder Aufführung, die ich sehen konnte, wenn ich in der Nähe war. So sah ich vor einigen Jahren, mehr zufällig, im Keller des Theaters das Stück »Käthi B.« von Beat Fäh, das mich sofort ansprach und von dem ich mir wünschte es irgendwann einmal inszenieren zu dürfen, wenn sich die Gelegenheit ergäbe.
In Osnabrück hatte ich im Solveigs Hof einen Spielerstamm auf den ich zurückgreifen konnte. So fragte ich die Solveig aus »solveig, ein Jahr«, ob sie nicht Lust habe, mit mir ein Stück zu erarbeiten. Zum einen tat ich dies, weil sie schauspielerisch sehr stark war, weil sie über Improvisationstalent und Spiellust verfügte und ich den Eindruck hatte, dass es ihr „gut täte“. Kurz zuvor hatte die junge Erwachsene mit ihrer Erzieherausbildung begonnen.
Die Proben verliefen zu Teil chaotisch, aber wenn wir probten, taten wir es intensiv und in tiefer menschlicher Begegnung. Mir war von Beginn an klar, dass die Arbeit eine Gratwanderung werden könnte, weil sie auf absolutem Vertrauen fußen musste. Das Vertrauensverhältnis wurde einige Male herbe auf die Probe gestellt, aber niemals enttäuscht.



Ich hatte mir der Produktion wegen viele Vorwürfe anhören müssen, da das Stück um Missbrauch ging und meine Spielpartnerin „betroffen war“. Das war uns beiden von Beginn der Proben klar und durchaus auch ein Fundament der Arbeit, ohne dass wir es direkt thematisierten. Das Stück wurde in seiner Authentizität packend, brutal, unausweichlich – die beiden Menschen, die sich in der Aufführung in Real-Zeit begegnen, werden – soviel wird klar – niemals zueinander finden.
Bei der Premiere wurde das Stück so unglaublich real, dass ich (nachdem ich einige Zeit lang geknebelt worden war) wirklich unter Tränen meinen Text weitersprach und mein Gegenüber vollkommen unbeeindruckt in der Rolle und Situation blieb. Als Schauspieler war diese Vorstellung von der Art und Dichte her eine Sternstunde.
Nachdem wir geendet hatten – zuvor hatten Teile des Publikums den Saal verlassen – klatschte niemand. Da standen wir nun verloren auf der Bühne. Erst als ich meine Mitspielerin spontan in den Arm nahm, brach der Applaus los. Die Unversöhnlichkeit war aufgehoben.
Ein Zuschauer sagte die Aufführung sei eine Zumutung gewesen. Ein anderer reagierte sofort darauf und meinte: „Ja, aber eine gute“ – es war der damalige Chef der Kinder- und Jugend-Psychatrie in Kassel. Die sich anschließenden Gespräche waren sehr kontrovers, zum Teil auch verletzend. Nichts desto trotz hatte das Stück Bewegung, Reibung und das Hinterfragen eigener Vorurteile und Verhaltensweisen ausgelöst.
Für uns Spieler war es ein gefühlter großer und erfüllender Erfolg.


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