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Tevje, der Milchmann
nach Sholem Aljechem

Jugendhilfeeinrichtung Humanopolis
Uelzen
1994


Tevje wurde in der Jugendhilfe-Einrichtung Humanopolis auf die Bühne gehoben. Bewusst entschied ich mich gegen die eher „verniedlichende“ und sentimentale Musical-Version, die den ausgesprochen guten und tiefen Stoff der Erzählung leider zum Teil sehr verfälscht. Mit Klezmer-Musikern wurde jedoch ein ebenso angemessener musikalischer Rahmen geschaffen.

»Tevje, der Milchmann« erzählt von dessen sieben Töchtern, von Glück und von Pech, das ihm begegnet, vom jüdischen Brauchtum und den für ihn unbegreiflichen Ansichten seiner Kinder, die er über alles liebt.
»Tevje, der Milchmann« ist das berühmteste Werk Scholem Alejchems (einer der bedeutendsten jiddischen Schriftsteller), und wurde in den 60ern als Musical "Anatevka – Fiddler on the Roof" verarbeitet.
Die originale Geschichte hat zweifellos mehr Tiefgang als das Musical, man lernt in ihr die Kultur und das harte Leben der russischer Juden im 19. Jahrhundert kennen, Sitten und Bräuche, aber auch die Gefahren und ihren Humor. Man lacht vielleicht nicht lauthals bei Tevjes Kommentaren, muss aber immer wieder schmunzeln. Wer wissen will, was das Wort Hoffnung bedeutet, sollte unbedingt das Buch lesen, denn trotz seines Schicksals hat Tevje immer das letzte Wort!


Hintergründe unserer Arbeit an »Tevje, der Milchmann«

Von der selben Jugendhilfeeinrichtung, an der ich die Proben zu Dickens »Christmas Carol«  begleitet hatte, kam der Wunsch, das Musical »Anatevka« einzustudieren. Ich hielt den Plan für gewagt, da einige Jugendliche an sich recht „schwach“ waren und es schon eine Herausforderung darstellte, schauspielerisch mit ihnen zu arbeiten. Singstimmen waren schlicht zu wenig vorhanden, als dass wir über die Erarbeitung eines Musicals hätten nachdenken können. Die Erzählung von Sholem Aljechem aber, mit dem Titel »Tevje, der Milchmann«, auf der der Musical-Stoff von »Anatevka« basierte, reizte mich sehr.
Die Geschichte von einem alten jüdischen Milchmann, der mit seiner Frau Golde und seinen fünf Töchtern in einem kleinen russischen Dorf die ersten Pogrome „der neuen Zeit“ erlebt, ist mit viel jüdischem Humor erzählt.
Die Erzählung lebt durch den Wechsel der Realität auf der einen Seite und den Gedanken, die sich Tevje macht, auf der andern. In der Inszenierung ging ich insofern auf Sholem Aljechems Erzählweise ein, indem ich eine Schattenspielwand über die Bühne spannte, auf der sich zeitweise von Tevje Berichtetes oder Geachtetes als Schattenspiel parallel, vorgreifend oder resümierend ereignete.
Die Niederschrift des Textes erforderte insofern viel Feingefühl, als dass es für manche der Jugendlichen schon schwer war, drei oder vier Sätze zu erinnern und in der richtigen Reihenfolge zum richtigen Zeitpunkt „abzuliefern“. So mussten diese wenigen Sätze so zentral platziert werden, dass die Figur mit dem Gesagten relativ gleichwertig dem Zuschauer in Erinnerung bleiben konnte, wie eine Rolle mit vergleichsweise mehr Text.
Wir arbeiteten also mit vielen Stimmungen und Atmosphären, spürten ihnen nach und versuchten sie in ein nachvollziehbares Verhältnis zur Biographie des Ensembles zu bringen. Text ist Papier. Angst, Trauer, Verzweiflung, Verliebtsein, all das ist Realität. Die Jugendlichen waren atemberaubend gut in der Lage, Stimmungen herzustellen und Atmosphären durch ihr Spiel zu stützen – auch ohne Text. Als Schattenspiel fand auch der Selbstmord der jüngsten Tochter – im Bild des entsetzen Ensembles statt – der im Musical genauso fehlt, wie die meisten anderen biographischen Tiefen und Reibungspunkte.
Und doch nahm ich zu einem fortgeschrittenen Zeitpunkt der Proben Elemente, Melodien und Lieder aus dem Musical »Anatevka« in den Kontext auf. Sie wurden von einer vor Ort ansässigen Klezmer-Gruppe ebenso stützend und gefühlvoll umgesetzt, wie viele der angesprochenen Atmosphären, für die sie sehr phantasievolle Geräusche kreierten.
Eine äußere Situation prägte jedoch ebenfalls sehr stark die Atmosphäre, in der die Proben stattfanden. Die Jugendhilfeeinrichtung lag direkt in der Sicherheitszone, die an den Gleisen für den Castor-Transport eingerichtet worden war. Man muss politisch nicht interessiert sein, um atmosphärisch von der vorherrschenden Atmosphäre gepackt zu werden. Hubschrauber, Hundertschaften, fliehende Demonstranten. Wir blieben nicht unberührt, so oder so.
Natürlich war meinerseits jedem freigestellt – in Absprache mit der Einrichtung –, sein Bürgerrecht wahrzunehmen (ich tat es schließlich auch). Trotz alledem bat ich alle Beteiligten darum, das Stück, die Arbeit und die Premiere nicht zu gefährden.
Der Castor hatte die letzte Wegstrecke angetreten – und wer früher in Gorleben war, weiß was das bedeutet. Die Demonstrationen auf der einen und die Gegenwehr auf der anderen Seite wurden massiv und brutal, sodass ich den Platz verließ und versuchte die Mitspieler, die ich noch erreichen konnte, aufzufordern, gleiches zu tun. Nur einer fehlte: Tevje. Er kam vollkommen fertig, stimmlos, übermüdet, immer wieder seiner Übelkeit erliegend, am nächsten Tag zur Generalprobe.
Den ersten Teil vertrat ich ihn, den zweiten würgte er sich durch. Es war ein Desaster und eine Zumutung für das Ensemble. Trotzdem habe ich mich (damals, wie später in anderen Zusammenarbeiten) nicht in ihm getäuscht und er spielte eine großartige Premiere.
Das Stück dauerte drei Stunden, ohne dass es wirkliche Längen aufwies. Ein professioneller Schauspieler kam nach der Vorstellung zu mir, gratulierte mir und sagte, dass ihm lange nicht mehr ein Theaterstück so erschüttert habe.
Die Einrichtung war weniger mit dem Erfolg des Stückes, als vielmehr mit der Auswahl des Stoffes unzufrieden. Im Gegensatz zu der verhältnismäßigen Leichtfüßigkeit des Musicals war ihr der Ursprungsstoff „zu ernst“. Jugendliche sollten mehr Komödien spielen. Ich war – und bin – erschüttert über die Haltung meiner Arbeit gegenüber. Für die Zusammenarbeit geplante Projekte kamen in Folge nicht mehr zu Stande.
Mein Interview „Pubertät ist nicht witzig“ in Werkstattgespräche ist daher dieser Einrichtung gewidmet.


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