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entgleist

von Ulrich Thon
Schultheaterprojekt zum Stanford-Gefängnis-Experiment
Bochum
2009


Das Stanford-Prison-Experiment war ein psychologisches Experiment und als solches ein Meilenstein der psychologischen Erforschung menschlichen Verhaltens unter den Bedingungen der Gefangenschaft, speziell unter den Feldbedingungen des echten Gefängnislebens. Der Versuch wurde 1971 vom amerikanischen Psychologen Philip Zimbardo an der Universität von Stanford durchgeführt. Für den Schulzusammenhang adaptierte ich den Inhalt für eine Klasse und ihre Situation. Eine Schülerin möchte innerhalb einer Jahresarbeit das Experiment Zimbardos für zwei Stunden vor Publikum durchführen und im Anschluss auswerten. Da es sich lediglich um eine kurze Zeitspanne handelt und sich die Schüler von klein auf kennen, haben weder die Schülerin noch die betreuenden Lehrer Sorge, bis schließlich die Situation eskaliert …



Das Stanford-Gefängnis-Experiment wurde ursprünglich von Professor P. G. Zimbardo 1971 in Kalifornien durchgeführt. Für eine Untersuchung dieses Experiments suchte er sich den Strafvollzug als Beispiel aus. In der Zeitung erschien eine Anzeige in der Freiwillige für eine Psychologische Studie über das Gefängnisleben gesucht wurden. Es meldeten sich 75 Leute, die bei diesem Versuch mitmachen wollten, alle mussten sich einer Diagnose unterziehen, wo Fragen gestellt wurden.
24 Versuchspersonen wurden wegen ihrem „normalen Lebensstil“ ausgesucht. Die ausgewählten Gefängniswärter mussten versuchen, einen „vernünftigen Grad von Ordnung innerhalb des Gefängnisses aufrecht zu erhalten, damit es aktiv funktioniert“. Schon nach dem zweiten Tag geriet alles außer Kontrolle. Die Gefangenen machten einen Aufstand der von den Wärtern brutal bekämpft wurde. In den folgenden Tagen wurden drei weitere Gefangene wegen emotionaler Störung nach Hause geschickt. Da die restlichen Gefangenen mittlerweile in tiefe Hilflosigkeit versunken und widerspruchslos die Befehle ausführten, brach Zimbardo vorzeitig das Experiment ab.
Im Vorfeld haben die Schülerinnen und Schüler die Situation selbst für einen Tag durchlebt und versucht, sich authentisch in ihre Rollen als Wächter und Gefangene hinein zu fühlen. Sie waren selbst erschrocken, wie schnell man bereit ist, Druck auszuüben und wie beängstigend es sein kann, Druck zu ertragen von Menschen, die man seit der ersten Klasse zu kennen glaubte.
Entsprechend der Real-Situation in einer Strafvollzugsanstalt sind die Besetzungen in Mädchen und Jungen aufgeteilt.


Hintergründe zu unserer Arbeit an »entgleist«

„Aufhören, sofort!“ und dann knallende Türen. Premiere von »entgleist« an der Rudolf-Steiner- Schule Bochum Langendreer. Was brachte das Publikum so in Konflikt mit der Aufführung?
Ich hatte der Klasse verschiedene Stoffe auf Grund ihrer Wunschangaben und Vorlieben vorgeschlagen. Mein persönlicher Favorit – in Zeiten der aktuellen Wirtschaftskrise – war »Die heilige Johanna der Schlachthöfe« von Brecht. Sie wollten es nicht. Stattdessen nagelten sie mich darauf fest, dass ich erwähnt hatte, gerne mal ein Theaterstück zum Stanford-Gefängnis-Experiment zu machen, das viele durch den Film »Das Experiment« kannten.
Es gab gleich mehrere Haken an diesem Wunsch der Klasse. Zunächst gab es schlicht kein Theaterstück zu dem Thema, zudem war klar, dass wir eine Jungen- und Mädchenbesetzung realisieren mussten, um die Gefängnissituation glaubwürdig darstellen zu können. Zu allem Überfluss hatte sich ein Regisseur in einem Theater „um die Ecke“ in Dortmund an den Stoff gemacht. Aus meiner Sicht sprach alles gegen den Stoff, des Aufwandes wegen. Für die Klasse war das unerheblich, sie bestand darauf.
Ich wollte in keinem Fall den Film kopieren, sondern das Thema in den Alltag der Bochumer Waldorfschüler transportieren. Zunächst ließ ich mir die Forschungsergebnisse von Phillip Zimbardos Experiment aus der Uni-Bibliothek Mannheim schicken und recherchierte über Gewalt an Waldorfschulen. Dann legte ich ein grobes Raster für zwei Stücke – eines für 19 Mädchen und eines für 12 Jungen – an. Und doch stand noch die unlösbare Aufgabe im Raum, das Stück authentisch auf die Bühne zu bekommen. In Waldorfschulen ist es üblich, dass die Schüler der 12. Klasse über ein Jahr ein Thema zu einer „Jahresarbeit“ ausarbeiten, die sie am Ende der Zeit in einem theoretischen und einem praktischen Teil der Schulgemeinschaft vorstellen. Ich behauptete in diesem Stück also, dass eine Schülerin bzw. ein Schüler seine Jahresarbeit ein Jahr vorziehen durfte, um in der eigentlichen Präsentation (behauptet ein Jahr darauf) die Auswertung eines Experimentes zu beschreiben, das nun vor den Augen des Publikums durchgeführt werde.

Es gab Zellen aus Baugittern auf der Bühne, Betten aus der JVA Bochum und einen zentralen Turm, in dem sich Duschen und Toiletten befanden. Das Publikum durfte per Ziehen von Karten Wächter und Gefangene einteilen und die jeweilige Zusammenstellung der Zelleninsassen bestimmen. Um die Situation möglichst glaubwürdig erscheinen zu lassen, plänkelte die erste Stunde des Stücks so vor sich hin. Ein paar Sticheleien, viele Späße, kaum ernste Konflikte. Erst kurz vor der Pause geraten ein paar Schüler aneinander und es kommt zu einer Unterbrechung der Versuchsleitung, also des referierenden Schülers. Nach der Pause folgten die Konflikte Schlag auf Schlag und gipfelten in einer jahrelangen verschobenen Abrechnung zwischen zwei Schülern, in der der eine den anderen mit einer Waffe bedroht. Und doch: alles endet gut und mit dem Apell, Spannungen vor der Eskalation zu lösen, jederzeit, überall, wo wir – jeder von uns – in der Verantwortung stehen und Gelegenheit dazu haben.

Wie sehr das Stück für die Klasse wichtig war, wurde mir erst während der Proben klar. Die Klasse entpuppte sich schnell als „sozial zerrüttet“ (Der Ausdruck sei mir erlaubt, im Rückblick auf die Zusammenarbeit mit anderen Klassen). Mobbing war ein offener Zustand, harte Hierarchien machten den Handlungsraum für viele Schüler in der Klasse sehr überschaubar.
Während der Probearbeit wechselte ich die Arbeit mit Jungen und Mädchen rhythmisch ab. Zu Beginn führten wir an zwei Tagen ganztägig das Experiment in einer Zelle mit Gefangenen und betreuenden Wächtern durch, die von mir Anweisungen erhielten. Alle Schüler waren erstaunt und schockiert, wie groß die Gewaltbereitschaft war, wenn es um Konsequenzen beim Verstoß gegen Regeln durch die Gefangenen ging. Bei den Mädchen äußerte sich vieles durch sprachliche Gewalt, während die Jungen rasch handgreiflich wurden. Ich hielt mir jede Sekunde offen, das Experiment abzubrechen, was glücklicherweise nicht nötig wurde. „Wenn sie das Stück an eine Hauptschule in Bochum verlegt hätten, hätte niemand etwas gesagt“, kommentierte ein Lehrer die Aufführung, „Aber so konnte sich natürlich keiner mehr zurücklehnen“. Ich habe selten für eines meiner Stücke mit Jugendlichen so viel Anfeindung erlebt und so viel Lob gehört. Theaterpädagogisch gehört »entgleist« sicher bisher zu meinen wichtigsten Arbeiten.


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