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Die Schwarze Spinne
nach Jeremias Gotthelf

Jugendtheaterprojekt
Rietberg
2009


Unter dem Arbeitstitel »Die Schwarze Spinne«, nach der Novelle von Jeremias Gotthelf aus dem Jahr 1842, entstand in Zusammenarbeit mit Jugendlichen des Jugendwerkes Rietberg und einem Chor der Stadt innerhalb kurzer Zeit ein ebenso beeindruckendes wie bildgewaltiges Bühnenstück.



Die Novelle beginnt mit einer Tauffeier auf einem Bauernhof, in deren Verlauf ein paar Gästen ein alter, schwarzer Türpfosten auffällt. Darauf hin erzählt der Großvater, was es mit dem Pfosten auf sich hat. Der Hof, auf dem jetzt die Taufe gefeiert wird, hat früher Hans von Stoffeln gehört, der die Bauern immer mit unerfüllbaren Forderungen unterdrückt und erbarmungslos zu Diensten zwang, so dass diese ihre eigenen Arbeiten nicht mehr ausführen konnten. In dieser ganz besonders verzweifelten Lage bietet der Teufel in Gestalt eines wilden Jägers seine Hilfe an. Als Lohn will er ein ungetauftes Kind.

Die fremde Bäuerin Christine geht mit dem Teufel den Pakt ein. Er besiegelt ihn mit einem Kuss auf ihre Wange. Als dann ein Kind geboren wird, rettet der Pfarrer durch die Taufe das Kind sofort nach seiner Geburt. Christine spürt danach auf ihrer Wange einen brennenden Schmerz. Dort, wohin der wilde Jäger sie geküsst hat, entsteht ein schwarzer Fleck, der anschwillt und zu einer schwarzen Spinne wird.
Nachdem ein nächstes neugeborenes Kind getauft wird, bricht ein Unwetter aus und viele kleine Spinnen werden aus dem Gesicht geboren. Im Dorf verbreitet sich das Unheil, das Vieh stirbt in den Ställen. So erinnert der Teufel an die Erfüllung des Vertrages. Als man beschließt, das nächste Neugeborene zu opfern, geht das Viehsterben zurück.
Christine will das Neugeborene dem Teufel bringen, doch der Priester besprengt es sofort mit Weihwasser. Christine schrumpft zu einer Spinne, die den Pfarrer berührt und somit tötet. Nun mordet die Spinne Mensch und Tier. Eines Nachts ergreift eine mutige Mutter die Spinne, drückt sie in ein Loch in den Fensterpfosten und schließt dieses durch einen Zapfen.
Auch diese Frau stirbt durch die Berührung mit der Spinne, aber Ruhe und Frieden kehren in das Tal zurück. In den folgenden Jahrhunderten meiden die Menschen das Böse. Mit der Zeit jedoch werden einige Menschen gottlos, ein übermütiger Knecht befreit die Spinne. Diese tötet fast alle Bewohner des Dorfes. Bei der nächsten Geburt rettet Christen das Kind vor dem Teufel, fängt die Spinne und verschließt sie wieder in ihrem alten Gefängnis.
Diesen Einsatz bezahlt auch er mit seinem Leben. Im Tal herrscht von nun an Friede und Gottesfurcht. Als ein neues Haus gebaut wird, fügt der Großvater den alten Fensterpfosten mit ein. So hört der Großvater auf zu erzählen. Die Tauffeier geht noch bis zum späten Abend weiter. Doch trotzdem haben die Gäste ein ungutes Gefühl, als ob hinter ihnen gleich die schwarze Spinne auftauchen würde.



Schwerpunkt war die Betrachtung und zeitgenössisch theatrale Erarbeitung der in der schwarzen Spinne behandelten Lebenssituationen, in Orientierung an den Erfahrungen und biographischen Verbindungspunkten der jugendlichen MitspielerInnen. Eine textlich werkgetreue Umsetzung stand, wie immer, nicht im Vordergrund, da ein Theatertext aus der Novelle nicht vorhanden war und erst entwickelt werden musste. Zum anderen ist die Sprache aus der Entstehungsepoche des Textes natürlich für heutige Hörgewohnheiten viel zu sperrig. Trotz alledem sollte es auch sprachlich eine klare Unterscheidung zwischen dem ersten und zweiten Teil der Novelle geben. In der Vorbereitung des Projektes fanden mehrere Vortreffen statt, die ermöglichen sollten, die Jugendlichen thematisch an die Novelle und ihren Bezug zu ihrem eigenen Leben im Hier und Jetzt heranzuführen. Ebenso galt es in diesem Vorlauf eine Abfolge von Schwerpunkten herauszusuchen und sie als roten Faden zu verbinden und nach heute zu transponieren, da die gesamte Erzählung für die Bühne viel zu umfangreich gewesen wäre. Auf diese Weise wurde im Vorfeld ein grobes Gerüst skizziert, an dem es möglich war, einen Probenplan zu orientieren, so wie Bühnen- und Kostümbildarbeiten auszurichten. Nachdem zunächst geplant war, die Aufführungen im Innenhof des Klosters zu realisieren und die architektonischen Besonderheiten mit einzubeziehen, wurde das Angebot der Stadt dankbar angenommen, im ortsansässigen Theater zu spielen.


Hintergründe zu unserer Arbeit an »Die schwarze Spinne«

Auf einer Veranstaltung in Rietberg lernte ich die Leiterin des Jugendwerkes, einer großen Jugendhilfeeinrichtung der Stadt kennen, die ich zu unserer Aufführung von »vorstadtengel« im nahegelegenen Bielefeld einlud. Sie war sehr angetan von der Vorstellung und sagte zu mir: „So etwas würden unsere Jugendlichen natürlich nicht hinkriegen …“ – mein „Natürlich-können-sie-das!“ war schneller draußen, als ich darüber nachdenken konnte, dass damit ein neues Projekt geboren war.
Ich schlug vor, dass wir uns wenige Wochen später für eine Idee in Rietberg treffen sollten. Das Jugendwerk ist mit seinem Haupthaus in einer alten Klosteranlage beheimatet, und gibt mit seinen Außenwohngruppen etwa 70 Jugendlichen Heimat. Die Kinder und Jugendlichen haben zumeist unterschiedlich belastete Biographien, aus denen sich ihre Stärken und Schwächen ergeben.
Mir wurde angeboten, ein Workshop-Wochenende durchzuführen, für dass sich die Kinder und Jugendlichen freiwillig anmelden konnten. Sollte es von ihnen angenommen werden, würden wir folgend in einem Projekt weiter auf ein Stück und dessen Aufführung zuarbeiten. Anderenfalls würde meine Arbeit an diesem Wochenende beendet sein. Die Klosteranlage brachte mich auf den Gedanken, einen Stoff umzusetzen, der mich schon lange von seiner Aussage her faszinierte: Jeremias Gotthelfs »Die schwarze Spinne«, einer märchenhaften Novelle aus dem 18. Jahrhundert.
Bei dem folgenden Workshop verzichtete ich auf zu viele größere Rollen, sondern konzentrierte mich auf die Gruppensituationen, die später auch das Stück tragen sollten. Zudem erlaubte ich mir, den Großvater als Erzähler im Stück zu etablieren, was dem Ur-Stoff nicht fern liegt.
Wir trafen uns freitags und arbeiteten engagiert zusammen. Nachts baute ich noch ein aufwändiges Bühnenbild in das ehrwürdige Refektorium des Klosters, in dem am Sonntag unsere kurze Werkstattaufführung sehr überzeugen konnte.
Zahlreiche CD-Einspieler unterstützten die Atmosphäre, wo Texte in dieser kurzen Zeit noch nicht erarbeitet werden konnten.
Das Ergebnis des Workshops entschied das Projekt.



Im Rückblick und unter Beachtung aller pädagogischen Belange ist schwer zu sagen, ob mehr Zeit für das Projekt stützend, hinderlich oder fördernd gewesen wäre. Wir trafen uns eine Hand voll Wochenenden, um den Stoff weiter zu erarbeiten und ich gab den Kindern und Jugendlichen einen Text mit in die Osterferien, der auf ihre Fähigkeiten, Wünsche und Belange zugeschrieben war. Auch die Größe des Ensembles wechselte immer wieder und bestand am Ende aus einer stattlichen Anzahl von 26 Mitgliedern und einem kleinen Chor.
Dass uns das Cultura-Theater (ein wunderschönes Globe-Theatre) zur Verfügung gestellt wurde ermöglichte – und erforderte – Ungeahntes für eine professionelle Aufführung. Ich wollte unbedingt, dass das Stück und die Leistungen der Kinder und Jugendlichen im Vordergrund stehen, und nicht ihre Herkunft oder ihre belasteten Biographien. Also ließ ich ein Bühnenbild bauen, engagierte eine Maskenbildnerin, einen Beleuchter und lieh die Kostüme von den Städtischen Bühnen Münster.
Für die – für meine Verhältnisse – sehr kurze Probezeit (vor allem im Theater selbst) stand am Ende eine wundervolle und beeindruckende Aufführung der »Schwarzen Spinne« auf der Bühne, die die Kinder und Jugendlichen hoffentlich noch lange über den Applaus hinweg zu stärken vermag.


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